Was ich  zu Beginn der Reise nicht wusste…diese Reise sollte mein bis heute einziger Überlebenskampf sein, aber gleichzeitig auch meine größte Lernerfahrung.

Auf dem schönsten Campingplatz der Welt

Hier saß ich nun seit einier Woche auf dem vermutlich schönsten Campingplatz der Welt und nichts ging mehr, die Sound um mich herum waren völlig mit Packeis verstopft. „Mein“ Campingplatz war eine Insel südlich von Aapilatok, der kleinen südlichsten Inuit-Siedlung auf meinem Weg zum Kap Farvel. Ich war ganz alleine und hatte einen grandiosen Blick auf die wild-bizarre Bergwelt Südgrönlands.

Ich hatte mir ein hehres Ziel ausgesucht. Als erster Mensch wollte ich das Kap Farvel im Faltboot umrunden. Das Kap Farvel ist die Südspitze Grönlands und ragt in das stürmische arktische Meer. Das Kap wird auch als Kap Hoorn des Nordens bezeichnet, denn es liegt ähnlich exponiert in einem der stürmischsten Meere der Erde. Hinzu kommt noch das Treibeis, welches ein solches Unterfangen weiter erschwert und mit großen Gefahren verbunden ist. Noch nie hatte ich gesehen, dass im Heute-Journal über die aktuellen Eisverhältnisse Grönlands berichtet wurde. Doch just genau am Vorabend meiner Abreise wurde von dem ungewöhnlich heftigen Eisgang um Südgrönland berichtet, der den gesamten Schiffsverkehr komplett lahm gelegt hat.

Aufbruch

Schockiert und verunsichert trat ich dennoch am nächsten Morgen meine Reise an. Doch der Blick aus dem Flugzeugfenster bestätigte meine Befürchtungen, Eis, überall Eis. So gut wie keine freinen Wasserflächen zu sehen. So saß ich erstmal eine Woche in Nanortalik fest. Endlich nach einer Woche gab es etwas offenes Wasser und das Versorgungsschiff nach Aappilatok wagte einen Versuch. Ich und eine handvoll Inuit waren während der gesamten Fahrt damit beschäftigt mit langen Stangen die Eisplatten vom Boot wegzudrücken.

Oftmals schien ein Durchkommen unmöglich. Doch irgendwie kamen wir durch. In aller Eile habe ich mein Boot aufgebaut und bin los. Doch nach wenigen Stunden war die Fahrt zu Ende. der komplette Fjord war mit Eis verstopft. Auch zurück konnte ich nicht mehr. So blieb mir nichts anderes übrig als zu Warten. Eine ganze Woche lang, ohne das sich etwas tat.

Jeden Tag hoffte ich darauf, dass sich das Eis im Fjord soweit öffnete, dass ich wieder zurückpaddeln konnte. Die Tage und Nächte wurden begleitet von dem ständigen Ächzen und Stöhnen, welches durch das Bersten von Eisbergen und das Aneinanderreiben der Eisschollen verursachte. Ich erkundete die Insel zu Fuß. Ein wirklich herrliches Fleckchen Erde. Aber allmählich wurde ich unruhig, da mir die Zeit davon lief.

Dann endlich nach eine Woche tat sich eine befahrbare Rinne offenen Wassers Richtun Appilatoq auf. Froh darüber endlich hier weg zu kommen brach ich auf in der Hoffnung, dass das offene Wasser langegenug bleibt. Gleichzeitig war ich unheimlich frustriert, da eine Kapumrunung, selbst wenn die Verhältnisse sich bessern würden, in der Restzeit nicht mehr machbar war. So paddelte ich die restliche Zeit im etwas nördlicher gelegenen und weitgehend eisfreien, von beeindruckenden Granitsteilwänden umrahmten Ketilfjord.

Kap Farvel 2. Versuch

Im Folgejahr brach ich abermals zum Kap Farvel auf. Diesmal einen Monat später um garantiert freies Wasser vorzufinden. Und so war es dann auch. Es war in diesem Jahr ungewöhnlich wenig Eis da. Dafür war es mild, regnerisch und stürmisch. Ich machte meinen Weg gen Süden. Paddelte teilweise in strömendem Regen, doch ich kam gut voran und näherte mich mit jedem Paddelschlag dem Kap.

Der gefährlichste Abschnitt stand unmittelbar bevor. Wenn ich aus dem Sound heraus aufs offene Meer musste wurde es ernst. Dafür war es dringend erforderlich zumindest über mehrere Stunden ein „Gutwetter-Fenster“ zu erwischen. Doch diese waren in diesem Jahr so gut wie nicht vorhanden. Das Kap bereits zum Greifen nahe musste ich einen dreitägigen Sturm mit heftigstem Regen im Zelt aussitzen. Mein auf vielen Expeditionen bewährtes Hillegerg-Zelt wurde absolut an seine Grenzen gebracht. Ich konnte kaum Schlafen, so peitschte der Wind das Zelt hin und her. Das nervtötende Prasseln des Regens tat sein Übriges. Teilweise wurde das Zelt auf mich gedrückt…platt wie eine Flunder. Ich stütze die beiden Rundbögen mit Händen und Füßen ab, in der Hoffnung,  diese nicht brachen. Irgendwann gieht jeder Sturm einmal zu Ende, so auch dieser.

Endlich – das Kap in Sicht

Von meinem Kontaktmann bekam ich via Satelliten-Telefon die Mitteilung, dass für die nächsten Stunden das Wetter ok sein sollte. Also nichts wie los. Froh endlich wieder Strecke machen zu können war ich hochmotiviert und voller Energie. Ich verließ nun den schützenden Fjord und der Wellengang nahm merklich zu. Aber es war eine flache, weite Dünung. Aber die hereinkommende Flut machte mir das Leben schwer. Teilweise hatte ich den Eindruck mich keinen Meter vorwärts zu bewegen.

Nur mühsam kam ich voran. Das kostete viel Zeit. Kap Farvel kam in Sicht. Die See war nun recht ruhig. Ich war in Hochstimmung. Der markante Felsen des Kaps kam immer näher. Dann auf gleicher Höhe wie das Kap kam ein lautes „Yeah…I didi it“ über meine Lippen. Ich ruhte mich aus und genoß den Anblick des Kap Farvels direkt vor mir. Ich war so fasziniert, so gefangen von der Szenerie, dass ich die fürchterlich dunklen Wolken aus Richtung Nord jetzt erst warnahm. Oh je, da braute sich was zusammen.

Mein Überlebenskampf auf See

Nichts wie weg hier bis zum nächsten rettenden Fjord. Der Wind nahm merklich zu und ebenso die Wellen. Ich paddelte stramm. Noch ein letztes Foto von dem sich schnell änderenden Wetter. Dann fielen die gefürchteten Fallwinde mit gewaltiger Kraft vom Inlandeis über mich her. Innerhalb weniger Minuten verwandelte die See sich in ein Inferno. Ich in meinem gebrechlichen Faltboot wurde zum Spielball der Wellen. Diese waren mittlerweile so hoch, dass einzelne Brecher mein Boot und mich komplett überspülten. Zudem bemerkte ich, dass ich immer weiter vom Land auf die offene See abgetrieben wurde.

Mittlerweile war mir auch total schlecht. Das heftige Auf und Ab des Bootes forderte seinen Tribut. Ich kotzte was das Zeug hält. Mein Erbrochenes vermischte sich mit der peitschenden Gischt und wurde mir in Augen, Ohren, Nase geschleudert. Ich merkte wie meine Kräfte nachließen. Es viel mir immer schwerer mich zu konzentrieren und das Boot im richtigen Winkel zu den Wellen zu halten.

Ich paddelte und paddelte. Doch ich schien keinen Meter dem rettenden Ufer näher zu kommen. Ich war verzweifelt. Meine Hände, Schultern, Oberkörper und der Hintern taten mir weh. Zudem war mir hundeelend. Sollte es das gewesen sein? Sollte ich hier vor Grönland elendig ersaufen. Ich konnte einfach nicht mehr. Resigniert hörte ich auf zu paddeln. Das war’s dann, so schoss es mir durch den Kopf. Um diesen aussichtslosen Kampf zu beschleunigen und es hinter mich zu bringen hob ich resignierend das Paddel über den Kopf um es mit Wucht von mir zu schleudern. Dann wäre mein Boot manövrierunfähig und würde bestimmt schnell kentern. Ich wollte es einfach nur hinter mir haben, so verzweifelt war ich.

Doch just in dem Moment als ich mit den Händen ausholte stoppte ich jäh für einen Moment und schrie „Du verdammtes Meer kriegst mich nicht“. Mit Wut und Verzweiflung stach ich die eine Seite des Paddels in die See und begann wie ein Besessener zu paddeln. Irgendetwas hatte den entscheidenden Schalter in meinem Kopf umgelegt. Die Verzweiflung schlug in unbändige Wut, aber auch Zuversicht und Motivation um, dass ich noch nicht am Ende meines Weges sein konnte. In meinem Kopf hämmerte es fortan „Du schaffst es…los paddel umd dein Leben und jammer nicht rum“.

Alles was ich wollte war raus aus dieser Scheiss. Ich wollte überleben. Nichts anderes war mehr wichtig. Noch immer musste ich mich übergeben, obwohl mein Magen schon längst leer sein musste. Ich war zu keinerlei Denken mehr fähig. Ich paddelte einfach nur noch obwohl mich meine körperlichen Kräfte schon längst verlassen hatte. Dann verblasst meine Erinnerung.

Das Erwachen

Das erste was ich hörte war das Summen von Myriaden an blutsaugenden Moskitos die um mich herum schwirrten. Als ich die Augen öffnete lag im weichen Gras und blickte in einen nahezu vollständig blauen Himmel. Zunächst wusste ich nicht ob ich wach bin oder träumte. Doch es war real. Ich richtete mich auf und begann zu Schluchzen wie ein kleine Kind….vor Glück!

Doch dann durchfruhr mich ein Gedanke. Das Faltboot, wo war mein Boot. Ich dreht mich zur Seite und ein Stein viel mir von Herzen. Mein Boot lag nur wenige Meter von mir entfernt auf einigen Felsen, fast wie vorschriftsmäßig an Land gezogen. Sollte ich das tatsächlich noch gemacht haben können. Egal, das Boot war, da und schien auch weitgehend unversehrt. Ich war gerettet.

Ich paddelte zufrieden, aber noch ganz unter dem Eindruck des Erlebten stehend, in fünf Tagen zurück. Dabei erwischte mich nochmals ein heftiger Sturm, der Zelt und Faltboot beschädigte. Beides konnte ich notdürftig reparieren und so kam ich glücklich und erschöpft in Nanortalik an.

Was ich daraus gelernt habe

Dieses Erlebnis hat in gewisser Weise mein Leben verändert. Es hat mich innerlich so stark gemacht wie nichts anderes im Leben. Ich habe dieses Erlebnis viele Monate für mich behalten. Habe selbst mit meinen engsten Vertrauten nicht darüber gesprochen. Selbst als Vortragsredner, der ich erst Jahre später wurde,  habe ich zunächst nicht darüber berichtet. Zu persönlich, zu einschneidend war das für mich.

Ich kann bis heute nicht genau sagen, woher plötzlich dieser Überlebenswill, ja diese unglaubliche Kraft kam. Ich kann mich auch bis heute nicht an die Einzelheiten der letzten Phase erinnern. Ich war wie in tiefer Trance.  Ist ja eigentlich auch egal. Wichtig ist nur die Gewissheit, es geschafft zu haben. Ich weiß nun ganz sicher, dass der Mensch iin der Lage ist Ungeheuerliches zu leisten, wenn er denn nur möchte. Und wenn es um das eigene Überleben geht, dann möchte man.

Ich habe das heute für mich so entschieden: Die Willenkraft hat eine unglaubliche Macht, sie wirkt wie eine Powerdosis und hilft einem in solchen Situationen zu bestehen. Aber man kann von ihr nicht ständig Gebrauch machne. Das ist zu kraftraubend und erschöpfend. Sie versiegt sonst irgendwann. Diese meine ganz persönliche Erkenntnis scheinen mittlerweile auch einige psychologischer Studien zu bestätigen.