Island Lavawüste

Wer hätte das gedacht? Die größte Lavawüste der Erde befindet sich in Europa, besser gesagt in Island – ihr klangvoller Name „Odadahraun“. Sie gilt als einer der unwirtlichsten und lebensfeindlichsten Landstriche unserer Erde und diente im 16./ 17. Jahrhundert Islands Vogelfreien als Versteck. Sie wird daher auch “Wüste der Missetäter“ genannt. Diese wollte ich durchqueren – alleine!

In fünf Tagen legte ich eine Strecke von 150 km zurück. Mein Weg führte mich durch das Herz der Odadahraun, durch unwegsames, von scharfkantigen Lavablöcken durchsetztes Gelände. Häufig versperrten mir riesige, zu Steinwällen aufgeworfene Lavablöcke, die an schwarzes Packeis erinnern, den Weg und zwangen mich immer wieder zu Umwegen.

Das Gewichts meines Rucksacks betrug 40kg. Einen 10 Liter Wasservorrat für die gesamte Strecke eingeschlossen.

Alleine mit Island

Nur noch schwach ist die schwarze Staubfahne des Geländewagens vor dem Hintergrund des blauen Himmels auszumachen, bis sie sich schließlich am Horizont in Nichts auflöst. Das letzte Anzeichen menschlicher Zivilisation ist aus meinem Sichtkreis verschwunden.

Ich bin alleine, alleine im Land der Trolle und Elfen, alleine mit Island. Bleiern lastet die Einsamkeit auf mir. Zweifel kommen auf, ob ich mir da mal nicht zu viel vorgenommen habe.

„Good luck and take care, I`m sure you will do it “. Mit diesen Worten hatte mich der Isländer Laki, ein Farmer vom Myvatn, verabschiedet, bevor er mit seinem Geländewagen davonfuhr.

Ich verspüre eine gewisse Anspannung, die sich immer bemerkbar macht, wenn ich alleine in ein unwegsames Wildnisgebiet aufbreche. Zumindest das Wetter meint es heute gut mit mir. Die Sonne scheint von einem fast wolkenlosen Himmel.

Ein kräftiger Wind läßt den feinen Aschesand zu Spiralen aufwirbeln, bis diese plötzlich wieder in sich zusammenfallen. Bald schon bedeckt der feine Staub Kleidung und Rucksack, dringt in Augen, Ohren und Nase ein. Er wird in den nächsten Tagen mein ständiger Begleiter sein.

Nobody goes there

Die letzten Tage in Reykjavik, Akureyri und am Mückensee waren ausgefüllt mit der Beschaffung von Informationen über die Odadahraunwüste. Die Ausrüstung mußte komplettiert und noch einmal gecheckt werden. Zwischendurch immer wieder Sightseeing, denn Island bietet spektakulär Naturschönheiten in Hülle und Fülle. Es war nicht gerade viel, was ich an Informationen zusammentragen konnte.

Meistens wurden meine bohrenden Fragen mit Schulterzucken beantwortet. „Nobody goes there“ hatte mir die freundliche Dame der Touristeninformation in dem kleinen Ort Reykalid geantwortet. Sie war dennoch rührend um mich besorgt. Ich hinterließ ihr meine geplante Route und eine Kontaktadresse in Deutschland für den Fall, daß mir etwas zustoßen sollte.

Die Oddadarhaun – unbekanntes Island

Niemand konnte mir Auskunft über die Beschaffenheit des Geländes im Herzen der Odadahraun geben. Laut der sehr ungenauen Karte besteht das Zentrum der Lavawüste aus einer Anhäufung von riesigen Lavablöcken, die sich stellenweise zu regelrechten Bergen auftürmen. Konnte ich meine geplante Route überhaupt einhalten?

Was wäre, wenn ich mir ein Bein brechen oder den Fuß verstauchen sollte? Würde man mich wirklich, wie versprochen, mit einem Helikopter suchen – und auch finden? Vielleicht herrscht gerade dann einer der berüchtigten tagelangen Sandstürme. Viele Fragen blieben offen. Trotzdem wollte ich mich durch Nichts von meinem Vorhaben abbringen lassen.

Eine unruhige Nacht

Ich freute mich auf eine letzte ruhige Nacht im Schoße der Zivilisation. Früh kroch ich in den kuschelig warmen Schlafsack, in der Hoffnung, daß sich bald ein traumloser Schlaf meiner erbarmt. Doch es kam anders.

Unruhig wälzte ich mich im Schlafsack hin und her. Bedenklich hatten sich die Temperaturen der 0°-Grenze genähert – für Island nichts ungewöhnliches – auch im August! Trotzdem wachte ich mehrmals schweißgebadet auf.

Mein nächtlicher Gedankenwirrwarr wurde von Islands sagenumwobenen Wesen, den Elfen und Trollen beherrscht. Überall schienen sie auf mich zu lauern. Hinter bizarren Lavagebilden vermochte ich ihre zu Fratzen verkommenen Gesichter zu erkennen. Für sie war ich ein Eindringling in diese leblose Einöde. Das war letzte Nacht.

Lava, Eis und Tafelberge

Ich lasse meinen Blick nach Süden schweifen, wo im Dunst der Ferne die Gletscherzungen des Vatnajökull, mit 8.000 qkm der größte Gletscher Europas, auf den Rand der Wüste treffen. Feuer und Eis stoßen hier unmittelbar aufeinander.

Im Südosten wird mein Blick vom Dyngjufjöllgebirge, daß mit einer wie Puderzucker aussehenden Schneeschicht überzogen ist, begrenzt.

Dahinter verborgen liegt die mit türkisfarbenem Wasser gefüllte Caldera der Askja. Im Osten leuchtet schwach der von der Nachmittagssonne angestrahlte Gipfel des Herdubreid – Islands schönster Tafelvulkan. Auch im Norden wird die Odadahraun von mehreren Tafelbergen begrenzt.

Aufbruch

Kurze Standortbestimmung mit dem GPS, Kompaßpeilung und los geht‘s. Wie zu Beginn einer jeden Tour genieße ich es unterwegs zu sein. Zu meiner Linken kann ich auf den letzten, mit spärlichem Gras bewachsenen Weideflächen am Rand der Wüste die hellen wolligen Gestalten einiger Islandschafe ausmachen. Sie sollten die letzen Lebewesen sein, die ich in den nächsten Tagen zu Gesicht bekomme.

Auf dem schwarzen Aschesand ist das Gehen kräftezehrend. Häufig versinke ich bis zu den Knöcheln im Sand. Der schwere Rucksack tut sein übriges. Größere Lavablöcke zwingen mich immer wieder zu Umwegen.

Im Schatten einer dieser Lavablöcke mache ich meine erste Rast. Laut Karte befindet sich zu meiner rechten ein kleiner Bachlauf. Diesen steuere ich an um mich nochmals so richtig mit Wasser vollaufen zu lassen und um meinen Wasservorrat aufzufüllen.

Die Teleskopskistöcke erleichtern die Fortbewegung in diesem Gelände enorm. Es hatte mich einige Mühe gekostet diese auszufahren, denn sie waren total festgerostet. Beim Überprüfen der Ausrüstung hatte ich sie glatt vergessen – sollte eigentlich nicht passieren! Gegen 18.00 Uhr erreiche ich den Bachlauf.

Schnell ist das Zelt aufgebaut und im Kochtopf brodelt ein leckerer Erbseneintopf. Dazu ein prickelndes und erfrischendes Multivitaminbrausegetränk. Dies sind die Momente die ich so liebe.

Ich verspüre eine innere Zufriedenheit, ja ein regelrechtes Glücksgefühl, obwohl noch mindestens vier harte Tage vor mir liegen. Zufrieden krieche ich in meinen Schlafsack und falle bald in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Wie auf einem anderen Stern

Am Morgen treiben mich die Sonnenstrahlen, die das Zelt mächtig aufheizen, frühzeitig aus dem Schlafsack. Es ist absolut windstill. Irgendwie unheimlich. Kein Laut dringt an meine Ohren. Die Umgebung wirkt irreal, wie das Antlitz eines fremden Sterns.

So weit das Auge reicht, keinerlei Anzeichen von Leben. Bin ich in Europa oder befinde ich mich vor der Kulisse eines Sience-Fiction-Films? Nach einem schnellen Müslifrühstück baue ich ebenso fix das Zelt ab und verstaue die restliche Ausrüstung im Rucksack. Heute empfinde ich die Last des Rucksacks erdrückend. Habe mich noch nicht an die gut 40 kg auf meinem Rücken gewöhnt.

Allmählich verändert sich das Terrain. Ging ich bisher meist über flache Fladenlava, so herrschen jetzt kleine, wie schwarze Blumenkohlköpfe aussehende Lavagebilde vor. Auf dem schwierigen Untergrund will jeder Schritt gut überlegt sein, denn einmal ins Straucheln gekommen, ist der Sturz unvermeidbar. Die Orientierung stellt sich bei diesem herrlichen Wetter als leichtes Unterfangen heraus.

Auf den Kompaß kann ich gänzlich verzichten, denn im Osten zeichnet sich deutlich der Gipfel des Herdubreid ab, welcher mir den Weg weist. Er scheint greifbar nah. Doch die Erfahrung hat mich gelehrt, daß die Entfernungen auf weiten offenen Flächen stark täuschen. Dieser Effekt wird durch die außerordentlich klare Luft in Island noch verstärkt.

Also verwerfe ich den Gedanken, mein Ziel vielleicht schon in 2 Tagen zu erreichen, wieder. Außerdem ist für mich nicht das Erreichen des Endziels das eigentliche, das angestrebte Ziel, sonder der Weg ist das Ziel. Hat man den Endpunkt erst erreicht, ist man zwar froh die Sache gut zuende gebracht zu haben, fühlt aber bald eine innere Leere und plant in Gedanken bereits die nächste Tour.

Eine Wüste ohne Hitze sollte es sein

In einem Punkt habe ich mich bei meiner Planung kräftig verrechnet. Im Rucksack schleppe ich jede Menge warmer Kleidung mit. Man hatte mir dringend geraten dies zu tun und mich auch auf Minusgrade einzustellen.

Die Odadahraun ist immer für eine Überraschung gut, obwohl tiefe Temperaturen in diesem Teil Islands selbst im Sommer nicht selten sind. Doch statt Kälte und Regen quälen mich Temperaturen bis 28°C. Die Odadahraun wird zum Glutofen, denn das schwarze Lavagestein speichert und reflektiert die Wärme.

Bewußt versuche ich mein Tempo zu drosseln, was mir aber nur für kurze Zeit gelingt. Automatisch steigert sich meine Marschgeschwindigkeit wieder. Dies wird mir erst bewußt, als dicke Schweißtropfen von Stirn und Nase tropfen. Da mein Wasservorrat begrenzt ist, muß ich den Wasserverbrauch einteilen.

Dies fällt nicht leicht, denn ständig dringt das Plätschern des Wassers in dem noch zu zwei Drittel gefüllten Faltkanister, den ich außen am Rucksack befestigt habe, an meine Ohren – die Versuchung ist groß!

Ein kaum wahrnehmbarer Wind streicht von hinten über meinen Kopf. Ab und zu drehe ich mich um, um so wenigstens für einen Augenblick einen angenehmen, kühlenden Luftzug im Gesicht zu spüren. Laut GPS bin ich noch 5,6 km von meinem geplanten Lagerplatz entfernt. Ob ich es heute noch erreiche? Allmählich schwinden meine Kräfte.

Hinzu kommen die vielen kleinen Mücken, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen. Mit allem habe ich gerechnet, nur nicht mit diesen Plagegeistern hier in der Wüste.

Mücken fliegen weiter als ich dachte

Ich befinde mich doch ca. 60 km südlich des Mückensees (Myvatn). Was treibt diese Biester bis in diesen trostlosen Landstrich. Fast kommt es mir vor, als ob sie nur darauf lauern, daß irgend so ein Verrückter in ihre Falle tappt. Nur, dieser Verrückte bin ich.

Am Mückensee tragen die meisten Touristen ein Moskitonetz um den Kopf, um wenigstens einigermaßen Ruhe vor ihnen zu haben. Ich hatte bewust kein Moskitonetz eingepackt, da ich mich ja weit südlich des Mückensees bewegte.

Gott sei Dank dauert dieses erste Intermezzo nur eine knappe Stunde, denn ein leichter, kühler Wind weht von den Eismassen des Vatnajökull herunter und läßt die Plagegeister genau so schnell verschwinden wie sie kamen. Ich habe keine Lust mehr weiter zu gehen. Fühle mich auch ziemlich platt. Schnell ist das Zelt aufgebaut und alle notwendigen Utensilien für das Abendessen bereitgelegt – Lagerroutine.

Ein Eisbruch aus Lava

Mit einem Kreuz markiere ich den nächsten Lagerpunkt auf der Karte. Ein Blick auf die vor mir liegende Strecke verheißt nichts Gutes. Die Legende der Karte sagt „big lava boulders“. Ein Blick nach Osten scheint dies zu bestätigen. In der Ferne sind mehrere Reihen wie übereinander geschichtete unförmige Lavablöcke zu sehen.

Sie muten wie mit einem Raupenfahrzeug zusammengeschobene Steinwälle, ja wie regelrechte Dämme an. Sie erinnern mich an einen schwarz gefärbten Eisbruch.

Und dort hindurch soll mich mein heutiger Weg führen? Es ist wieder unerträglich warm. Meine ständig trockene und staubbedeckte Kehle lechzt nach Wasser. Selbstdisziplin ist angesagt! Nur allzu verführerisch plätschert das wenige Restwasser in meinem Faltkanister. Der Drang mir den Rest auf einmal zu gönnen ist riesig. Aber ich widerstehe der Verführung.

Das Gelände wird immer schwieriger und unwegsamer, denn ich befinde mich nun genau im Herzen der Odadahraun. Das Gehen erfordert meine ganze Konzentration. Wenn da nur nicht wieder diese Plagegeister wären! Sie verleiden mir die Sache tüchtig.

Ab und zu gelingt es mir einige von ihnen zu erwischen – nur, für eine erlegte Mücke scheinen zehn neue hinzuzukommen. Ich reiße mir die Mütze vom Kopf und schlage wie wild um mich. Es nützt nichts. Sie sind überall – in Nase, Augen, Ohren und Mund und dann dieses ständige Summen – es macht mich fast wahnsinnig! Ich mache mir nicht einmal mehr die Mühe sie aus meinem Mund zu entfernen, sondern schlucke sie einfach hinunter – Proteine als Marschverpflegung!

Lava ist scharf und das Wasser knapp

Die Beschaffenheit des Geländes zwingt mich immer wieder zu Klettereinlagen – dann ist wieder eines dieser sich plötzlich auftuenden „Spaltenmäuler“ zu überwinden. Die scharfkantige Lava hat meinen Trekkingstiefeln bereits arg zugesetzt. Am frühen Nachmittag raste ich in einer mit hellem Sand gefüllten Mulde. Oh Wunder! – hier wachsen sogar ein paar spärliche Gräser. Ausgepumpt lasse ich mich in den weichen Sand fallen. Nur nicht mehr gehen! Sofort wird mein Kopf Opfer zahlreicher Mückenattacken.

Das restliche Wasser im Kanister hat sich erwärmt und schmeckt fad. Wenn ich weiterhin soviel trinke, werde ich wohl heute abend auf dem Trockenen sitzen. Morgen abend hoffe ich die Braedrafell-Hütte zu erreichen. Laut Laki‘s Aussage gibt es dort eine Auffangvorrichtung für Regenwasser vom Dach der Hütte.

Darauf kann ich mich aber nicht unbedingt verlassen, denn im Gebiet der Odadahraun hat es wohl schon länger nicht mehr geregnet. Zumindest ein Hoffnungsschimmer, denn sonst müßte ich 2 Tage ohne Wasser auskommen. Klar, verdursten werde ich nicht, aber der Gedanke daran ist mir mehr als unangenehm!

Der Wahnsinn hat zwei Namen – Mücken und Hitze!

Mücken, Mücken – hunderte umschwirren mich. Ich hasse diese Biester! Dazu die Hitze, der schwere Rucksack, das ständige Auf und Ab, über Spalten springen, über Lavablöcke klettern. Oftmals gelingt es mir nur mit viel Mühe und Glück nicht abzurutschen. Mehrmals stolpere ich und finde mich auf allen Vieren wieder, dabei stoße ich mir einmal das Knie an einem unter einer dünnen Sandschicht verborgenen Lavablock. Es tut höllisch weh!

Ich bin wieder einmal an einem Punkt, wo ich mich ernsthaft frage „Warum das Ganze“? Auch die Einsamkeit, das Gefühl des Ausgesetztseins, fernab von jeder möglichen Hilfe, macht mir zu schaffen. Mein Körper verweigert jede weitere Fortbewegung. Ich kann und will nicht mehr! Wo aber soll ich mein Zelt aufbauen? Nirgends eine geeignete Stelle in Sicht. Dann glaube ich auf einem kleinen sandigen Plateau eine geeignete Stelle ausfindig gemacht zu haben.

Ich laufe um den Mücken zu entkommen, werfe den Rucksack ab und zerre das Zelt heraus. Doch als ich die Häringe im Boden verankern möchte, stoße ich schon nach wenigen Zentimetern auf Fels.

Der Versuch, die Häringe mit Gewalt in den Boden zu treiben, wird damit belohnt, daß sich einer nach dem anderen verbiegt. Es hilft alles nichts, ich muß mir einen neuen Lagerplatz suchen. Ohne die Zeltstangen herauszunehmen packe ich das Zelt und laufe los. Jetzt allerdings mehr vor Wut über meine eigene Fehlbarkeit.

Eiserner Wille und Handarbeit

Mehrmals verheddern sich meine Füße in den herunterhängenden Zeltleinen, dann bleibt eine der Zeltschnüre an einem scharfkantigen Lavablock hängen. Ich zwinge mich zur Ruhe und Besonnenheit. Neben einer Anhäufung mittelgroßer Lavablöcke befindet sich eine relativ ebene Stelle, die mit kleinen scharfkantigen Steinen bedeckt ist. Der Versuch, diese erste Schicht abzutragen zeigt, daß sich darunter eine Schicht Sand befindet.

Ich trage die Steinschicht mit bloßen Händen und Schuhen auf einer Fläche von 2 mal 2 Metern ab und erhalte so eine recht gute Stellfläche für meine Zelt. Na also, es geht doch! Man muß die Sache einfach nur ruhig und überlegt angehen.

Meine Hände sind von der scharfkantigen Lava zerschunden und bluten aus mehreren Wunden. Für die Zubereitung einer warmen Mahlzeit bin ich zu erschöpft. Nach einem tiefen Schluck aus der Wasserflasche lege ich mich flach. Bis auf einen kleinen Rest für morgen früh sind meine Wasserreserven nunmehr vollständig aufgebraucht.

Das Ende naht

Als ich am nächsten Morgen den Reißverschluß des Zeltes öffne, bläst mir ein kräftiger Wind ins Gesicht. Der Abbau des Zeltes ist mühsam. Ich peile den Sattel zwischen Kollottadyngja und dem Braedrefell an. Ab dort müßte ich den schwierigsten Teil des Geländes hinter mich gebracht haben.

Der Wind wird stärker und wirbelt mächtige Staubfahnen – ja sogar kleine Steine durch die Luft. Ich binde mir zum Schutz ein Handtuch vor den Mund. Hoffentlich erwächst daraus nicht einer der gefürchteten Stürme die mühelos faustgroße Steine durch die Luft wirbeln und ein Fortkommen dann unmöglich machen.

Der Wind hat auch was Gutes – heute keine Mücken. Der Aufstieg zum Sattel ist anstrengend. Die Aussicht in einigen Stunden die Braedrafellhütte zu erreichen und in den Genuß von Wasser zu kommen mobilisiert noch einmal ungeahnte Kräfte. Das Ende des unwegsamen Lavafeldes ist in Sicht. Bald habe ich die letzten Lavahindernisse hinter mich gebracht und gönne mir eine lange Pause. Das Gröbste wäre geschafft.

Die Sorge, in der Hütte auch wirklich Wasser vorzufinden, läßt mich diesen Moment jedoch nicht recht genießen und treibt mich weiter an. Zu groß ist der Durst. Ich passiere die Südflanke des Kollottadyngja, habe jetzt den höchsten Punkt erreicht und müßte die Hütte eigentlich sehen. Doch statt dessen nur Lava – Lava so weit das Auge reicht.

Nach der verdammten Karte zu urteilen muß die Hütte hier irgendwo sein. Ich deponiere mein Gepäck und mache mich auf die Suche. Zwischen zwei Erhebungen öffnet sich mir der Blick in die Ebene zwischen dem Massiv des Eggert und dem mächtigen Herdubreid, der nun unmittelbar vor mir liegt. Allerdings sind es bis zu seinem Fuß noch gut 15 km.

Auch Wasser mit Sand schmeckt kann verdammt gut schmecken

Endlich sehe ich die Hütte. In ca. 1 km Entfernung hebt sich das helle Blechdach deutlich von dem dunklen Hintergrund ab. Ich laufe zurück, nehme meinen Rucksack auf und gehe, nein ich laufe der Hütte und hoffentlich dem ersehnten Naß entgegen.

Beim Näherkommen erkenne ich unter der Dachrinne neben der Tür zwei Plastikkanister. Ich laufe schneller, erreiche die Hütte. Und dann der Schock! Leer! Doch die Erleichterung folgt auf dem Fuss. In der Nähe befindet sich ein kleiner verschlammter Bachlauf.

Eine zentnerschwere Last fällt von mir ab. Wie ein Verdurstender werfe ich mich mit dem Oberkörper ins schlammige Nass und drinke. Egal, dass ich dabei fast mehr Sand schlucke als Wasser. Das lauwarme, sandige und faulig schmeckende Naß läuft die Kehle hinunter – einfach herrlich!

Heute genieße ich, begleitet von einem wunderschönen Sonnenuntergang, das Abendessen ganz besonders. Im Vergleich zu dem was hinter mir liegt, wird die morgige Etappe ein Kinderspiel werden.

Ausgepumpt aber glücklich erreiche ich am nächsten Tag Herdubreidalindir, eine kleine Oase an der Piste zur Askja. Ich bin überglücklich und verspüre eine tiefe innere Ruhe und Zufriedenheit. Die Wüste der Missetäter hatte mich gepackt, sie hat mein Denken bestimmt, hat mich gequält und hat in mir jenes Glücksgefühl erzeugt, dessen ich losgezogen bin.

Jetzt liegt sie hinter mir. Wie ein letzter Gruß, schickt sie noch einmal Wolken voller schwarzem Sand hinunter ins weite Tal des Jökulsa a‘ Fjöllum. Sie wird mir in guter Erinnerung bleiben.