Der Deutschlandlauf sollte "mein ultimatives Abenteuer" direkt vor der eigenen Haustür. Das Vorhaben konkret: Deutschland vom nördlichsten zum südlichsten Punkt ohne Unterstützung von außen, möglichst schnell zu durchqueren. Es sollte kein Survivaltrip a la Rüdiger Nehberg werden, sondern ich wollte laufen und dabei meine gesamte Ausrüstung und Verpflegung auf einem umgebauten Fahrradanhänger hinter mir herziehen. Zum Übernachten wollte ich mich immer in irgendwelche Büsche schlagen, um mein Mini Zelt aufzubauen.
Oberstdorf liegt am anderen Ende der Welt
Zumindest kam mir das so vor, als ich am Ellenbogen auf Sylt, dem nördlichsten Zipfel der Republik, stand. Hier oben auf Sylt waren die Berge so weit weg, dass ich mein Ziel kaum gedanklich fassen konnte. Ich hatte mächtig Respekt vor der Strecke, die vor mir lag. Gut 950 km hatte ich eingeplant. Doch aufgrund diverser unfreiwilliger Extratouren, sollten es am Ende etwas mehr als 1000km werden. Ich wusste von meinen anderen Abenteuern, dass trotz intensiver Vorbereitung und sorgfältiger Planung, einiges anders als geplant kommen würde. Und ich sollte Recht behalten.
Mieses Wetter + nerviger Elmar = miese Laune?
Da es im
Norden der Republik herrlich flach ist, kam ich gut voran. Zwar lief ich
langsam, aber beständig. Zwei Umstände machten mir jedoch von Beginn an bei
meinem Deutschlandlauf das Leben schwer. Elmar, so hatte ich meinen
Laufanhänger getauft und das regnerische und stürmische Wetter. Beide schienen
sich gegen mich verbündet zu haben.
Elmar brachte es auf satte 25 kg. Ich hatte ständig das Gefühl, dass mich jemand von hinten festhält. Ein weiteres Problem war, dass sich Elmar manchmal regelrecht aufschaukelte. Als umgebauter Fahrradanhänger, hatte er zwei Räder. Der Dritte Fixpunkt war die Befestigung des Zuggestänges an meinem Zug-Gurt und die war ja flexibel. So ruckelte und zog Elmar ständig an mir rum. Wie ich das bis Oberstdorf aushalten sollte, war mir schleierhaft. Zwar hatte ich alles zu Hause ausprobiert, doch irgendwie schien jetzt, wenn es drauf ankam, alles anders. Aber ich fand eine Lösung.
Warum der "Leidensmodus" so wichtig ist
Für Anfang Mai war das Wetter einfach saumäßig. Es war kalt, regnerisch und stürmisch. So baute ich mein Zelt am ersten Abend im strömenden Regen, in der Nähe eines Bauernhofs, auf. Den Bauern hatte ich sicherheitshalber gefragt. Ich wollte mir nicht schon am Anfang den Zorn meiner zivilisierten Mitmenschen zuziehen. Am nächsten Tag wurde es noch übler. Es goss in Strömen. Dann brach auch noch einer meiner Laufstöcke. Zwar gelang es mir, diesen notdürftig zu reparieren, aber es war eine weitere Komforteinbuße.
Vom Hadern und Jammern
Ich haderte die ersten Tage gewaltig mit den Umständen. Wäre ich doch besser im April los. Der war sonnig und warm. Ich wusste, wenn das so weiter geht mit dem Jammern, dann schaffe ich es nie bis Oberstdorf. Höchste Zeit auf meine altbewährten mentalen Kräfte zu vertrauen. So überließ ich meine Gedanken nicht mehr länger dem Zufall, sondern griff auf bewährte Formen der Mentalarbeit zurück.
Warum es geil ist, wenn man wie eine Maschine funktionieren kann
Trotz
Regenbekleidung wurde ich tagsüber total durchnässt. Den einzigen halbwegs
trockenen Platz, bot mein Schlafsack. Trotzdem kroch ich wie
ferngesteuert jeden Morgen pünktlich aus dem Schlafsack, nachdem ich meine
allmorgendliche Frühstücksroutine beendet hatte. Ohne zu murren schlüpfte ich
in meine nassen Klamotten, packte dem immer gleichen Muster folgend meine
Sachen zusammen und lief einfach los. Selbst der Vorschlag meines
"Teufelchens", bei dem Sauwetter noch eine Stunde länger im Schlafsack
zu genießen, hatte nie eine Chance.
Obwohl ich
zu Hause gerne auch mal "Fünfe gerade sein lasse", funktioniere ich
auf so einer Tour wie eine Maschine. Fast erschreckend wie gut mir das gelingt.
Ich schalte dann in den "Leidensmodus". Ohne über mein Tun groß
nachzudenken, folge ich meinen Regeln. Würde ich diese immer wieder zur
Disposition stellen, könnte ich gleich aufgeben. Ich mache solche Projekte ganz
alleine für mich. Ich muss anderen nichts beweisen. Folge also ganz meinen
Regeln.
Auch die Fähigkeit, Unangenehmes auszuhalten, habe ich mir über die Jahre antrainiert. Ich hadere dann nicht mehr. Allenfalls kurz. Kann ich es nicht ändern, muss ich es integrieren. Ich nehme es dann so an, wie es ist. Kann ich es verändern, suche ich schnell nach einer Lösung für die veränderte Situation. Die findet sich meist. Ich weiß, dass das alles zum "Gesamtpaket" dazu gehört. In mir ist eine tiefe Zuversicht, dass mich das alles meinem Ziel wieder ein Stück näherbringen wird.
https://vimeo.com/329144830
Die Welt geht immer wieder unter und die Sonne immer wieder auf
Unterwegs hatte ich immer wieder mit zusätzlichen Herausforderungen zu kämpfen. Mal war es ein Laufstockbruch, dann ein Totalausfall des GPS, ein verlorenes Handyladekabel oder das im letzten Camp vergessene Zeltgestänge. Außerdem war mein rechtes Knie fast auf doppelte Größe angeschwollen und der linke Oberschenkelmuskel schmerzte Gewaltig.
Warum ich Göttingen nicht mag
Alle Göttinger mögen es mir verzeihen. Aber ich hasste Göttingen auf meinem Deutschlandlauf. Warum ich das tue? Göttingen sollte ein Höhepunkt meines Deutschlandlaufs werden. Es lag fast auf halber Strecke. Daher hatte ich dort eine Art Bergfest geplant. Doch Göttingen wurde für mich zum emotionalen Desaster. Ausfall meines GPS und wolkenbruchartiger Regen. Nichts mit Bergfest, ganz zu schweigen vom Genuss des Rotweinpulvers, welches ich zum Begießen der Halbzeit eingepackt hatte. War Göttingen für mich als Halbzeitmarker bis dato Ziel meiner Sehnsüchte gewesen, so kehrte sich das jetzt ins absolute Gegenteil. Ich verfluchte Göttingen. Ich war an einem emotionalen Tiefpunkt meines Deutschlandlaufs angelangt. Ich stellte mein Tun gänzlich in Frage und spielte mit dem Gedanken aufzugeben.
Zusammenspiel von Routine und Flexibilität
Jedes Mal,
wenn mich irgendetwas aus meiner gewohnten Routine brachte, war das zunächst
wie ein kleiner Weltuntergang. Aber der Erfolg eines solchen Vorhabens - wie
bei allen Expeditionen - liegt darin, auf das unvorhergesehene flexibel zu
reagieren und schnell eine Lösung zu finden. Das gehört dazu, macht einen Teil
des Reizes aus. Die Routine hat auf einem solchen Trip eine wichtige Funktion.
Sie gibt Sicherheit und lässt dich die Selbstdisziplin wahren. Ein stören der
Routine ist daher immer Verlust von Sicherheit und Vertrautem. Das schmerzt
einfach erst einmal.
Ich habe
gelernt mit diesen Unwägbarkeiten umzugehen. Gehe nach kurzem Hadern sofort in
den Problemlösungsmodus. Es findet sich immer irgendeine Lösung, denn die
Alternative wäre Aufgeben. Ist das Problem im Griff, wird es zur neuen Routine.
Auch auf meinem Deutschlandlauf kam ich daher, trotz vieler unvorhergesehener Zwischenfälle, gut voran. Ich schaffte fast immer mein geplantes tägliches Pensum. Konnte mein Zelt meist an der geplanten Stelle aufstellen. Obwohl es gar nicht so leicht war, dabei außerhalb der Sichtweite anderer Menschen zu bleiben. In der Wüste ist das einfacher!
Der Genuss des Wegs
Trotz aller Leiden, oder gerade auch wegen den Widrigkeiten, die so eine Tour zwangsläufig mit sich bring, liebe ich das Unterwegssein. Ich lebte von Tag zu Tag. Freute mich schon morgens auf das königliche, gefriergetrocknete Abendmenü. So alle 4 Tage hatte ich mir einen Meilenstein gesetzt. Z.B. die Überfahrt auf der Alster, dann Hannover, Göttingen, der Mainübergang bei Kitzingen. Riesig freute ich mich auf die Überquerung der A8 Stuttgart-München, war sie für mich doch das eigentliche Tor zum Süden. Auch auf von den vielen Autofahrten nach Oberstdorf, war mir diese Region bereits sehr vertraut. Ich genoss es dermaßen, durch dieses wunderschöne Land zu laufen.
Die Magie des Ziels
Ich kam mir
vor wie eine Schnecke, obwohl ich exakt im Zeitplan lag. Dann endlich, nach 17
Tagen konnte ich in der Ferne die Alpen im Dunst erkennen. Die Glücksgefühle in
diesem Moment, als ich den Grünten, den Wächter des Allgäus, erblickte, kann
ich mit Worten nicht beschreiben. Mein Ziel Oberstdorf hat für mich eine
besondere Bedeutung. Ich habe dort geheiratet, unzählige Kurzurlaube verbracht
und meinen schwersten Unfall, einen Skiunfall mit Oberschenkelhalsfraktur, dort
erlebt. Diese starke emotionale Bindung an mein Ziel Oberstdorf half mir über
viele Momente der Selbstzweifel und des Leidens hinweg.
Am 24. Mai 2014 erreichte ich mein ersehntes Ziel. Ich war in Oberstdorf angekommen. Ich habe die Strecke von 1023 in nur 19 Tagen geschafft. Die letzten 10km zum Ende des Rappachtals waren nur noch eine Zugabe und hatten keine Bedeutung mehr für mich.
Deutschland mal anders
Nach einem
solchen extremen Erlebnis muss ich alles erst einmal sacken lassen. Es fällt
mir schwer darüber zu reden. So viele Erlebnisse, die für mich eine immens
wichtige Bedeutung haben. Menschen, die ähnliches nie erlebt haben, können das
kaum nachvollziehen.
Was mich bei meinem Deutschlandlauf neben der sportlichen Herausforderung am meisten beeindruckt hat, war die Möglichkeit, unser Land einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu erleben.
Begegnungen mit Menschen
Ich hatte
mich für knapp drei Wochen sozusagen aus der zivilisierten Gesellschaft
ausgeklinkt. Versorgte mich autonom, zapfte Wasser auf Friedhöfen, sah nach
wenigen Tagen ungepflegt aus und würde einen Geruchstest sicher auch nicht mehr
bestehen.
Viele Menschen begegneten mir daher mit argwöhnischen Blicken oder schauten gar weg. Und trotzdem gab es doch so viele tolle Begegnungen und Gespräche mit den Menschen entlang meiner Route. Da gab es, den Radfahrer, der extra umdrehte, um mich ein paar Kilometer zu begleiten. Da waren die Kinder, die mir lachend ein "Love and Peace Alter" zuriefen, die Menschen, die mich mit Wasser versorgten, die mich zum Essen einladen wollten, die mir den richtigen Weg zeigten.
Der Reiz unterschiedlicher Regionen
Deutschland
ist ein wunderschönes Land. Es war einfach faszinierend, den Wechsel der
landschaftlichen Höhepunkte und Besonderheiten zu erleben. Sylt mit seinen
einzigartigen Dünenlandschaften, das platte Land Nordfrieslands mit seinen
großen Gehöften, die Großstadt Hamburg als Kontrast, die Lüneburger Heide, die
Gedenkstädte Bergen-Belsen, der Beginn der Mittelgebirge hinter Hildesheim, das
waldreiche Thüringen, entlang des Mains, das mittelalterliche Dinkelsbühl, die
schwäbische Alb, das Allgäu, die Berge.
Deutschland
so erleben zu dürfen ist ein unbeschreibliches Privileg. Es bereichert mein
Leben für immer!
Die Wüste Gobi gehört zu den unwirtlichsten Landstrichen dieser Erde. Schon als Kind habe ich Sven Hedins “Durch Asiens Wüsten” regelrecht verschlungen. Für mich stand bereits damals fest: irgendwann werde auch ich durch die Wüste Gobi gehen. Dass es dann gleich ein Lauf werden sollte, habe ich damals noch nicht geahnt. Doch jetzt 2014, war
Yukon, Klondike, Dawson City, Chilcoot Trail – diese klangvollen Namen faszinieren mich seit meiner Jugend. Denn damals habe ich „Alaska-Kid“ von Jack London regelrecht verschlungen und alle Abenteuer vom heimischen Sofa hautnah miterlebt. Deswegen war mir klar, dass ich ähnliche Abenteuer irgendwann selbst erleben möchte. Vor allem der Yukon, einer der mächtigsten und größten aller