Ultramarathon Wüste Gobi: 1000km alleine durch Hitze, Stürme und Kälte

Die Wüste Gobi gehört zu den unwirtlichsten Landstrichen dieser Erde. Schon als Kind habe ich Sven Hedins “Durch Asiens Wüsten” regelrecht verschlungen. Für mich stand bereits damals fest: irgendwann werde auch ich durch die Wüste Gobi gehen. Dass es dann gleich ein Lauf werden sollte, habe ich damals noch nicht geahnt. Doch jetzt 2014, war es so weit. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, als erster Mensch eintausend Kilometer durch das Herz dieser faszinierenden Wüste zu laufen…und das in nur 15 Tagen.

Lauf durch die Wüste Gobi
Unendliche Weite

Ein tollkühnes Lauf-Abenteuer bekommt ein Gesicht

Stürmische Winde, Temperaturschwankungen von über 40 Grad, faszinierende Landschaften und ursprünglich lebende Nomaden… das ist das kontrastreiche Gesicht der Wüste Gobi.

Als ob das nicht schon herausfordernd genug wäre, sollte auch die Art meiner Fortbewegung eine Besondere sein. Zunächst war ich diesbezüglich unschlüssig. Was ich auf keinen Fall wollte, war es Reinhold Messner gleich zu tun. Dieser hatte immer mal wieder eine Etappe auf dem Rücken eines Pferds, auf dem Sozius eines Mopeds oder per LKW zurückgelegt.

Die Menschen wünschen sich Unsterblichkeit, aber wissen nichts anzufangen an einem verregneten Sonntagnachmittag.

Sven Hedin

In Wüsten gibt es für mich zwei grundlegende Arten der Fortbewegung. Entweder durchquere ich diese ohne jegliche Unterstützung von außen. Mit der Folge, dass ich dann meine komplette Ausrüstung und Verpflegung mitschleppen muss. Genau für den Zweck habe ich einen Fahrradanhänger zu einem “Menschen-Anhänger” umgebaut.

Bei einem völlig autonomen Projekt ist eine der größten logistischen Herausforderungen die Sicherstellung der Wasserversorgung unterwegs. Dafür benötige ich entweder natürliche Wasserstellen oder ich lege mir im Vorfeld Wasserdepots an, wie ich das auf meinem Marsch durch die Atacama Wüste getan habe.

Bei beiden Varianten bin ich darauf angewiesen, eine größere Menge Wasser – mindestens 12 Liter – unterwegs mit mir zu tragen. Deshalb kommt diese Variante bei einer Ultramarathon Expedition nicht in Frage.

Die Versorgung mit Wasser ist auf einem Wüstenlauf meine absolute Lebensversicherung. Ansonsten kann so ein Trip schnell lebensbedrohlich werden. Und dafür hänge ich einfach zu sehr an meinem eben!

Regenbogen in der Gobi

Oder die zweite Option: Ich laufe. Da es bei einem Lauf unmöglich ist rund 150 Liter Wasser und die Vorräte für mehrere Wochen zu transportieren ist ein logistischer Backup zwingend erforderlich.

Nach einigem Hin und Her stand meine Entscheidung fest: Anders als bei der Durchquerung der Atacama Wüste in Chile, wollte ich nicht “einfach nur” durch die Wüste gehen, sondern tatsächlich laufen.

Das bedeutete, dass ich bis auf ein Tages-Notgepäck im Laufrucksack von ca. 9kg, für das restliche Gepäck ein Minimum an logistischer Unterstützung in Anspruch nehmen musste. Da ich die Strecke in 15 Tagen bewältigen wollte, war das immerhin eine durchschnittliche Tagesetappe von 67km.

Im Klartext bedeutete das: Ich wollte in einem der unwirtlichsten Landstriche der Erde, täglich einen Ultramarathon absolvieren und das 15 mal in Folge.

Im Banne der Wüste

Eigentlich startete meine Reise in diesen wildesten Teil der Mongolei bereits viel früher. Schon als Jugendlicher hatte mich die Gobi, nicht zuletzt wegen Ihres klangvollen Namens, in ihren Bann gezogen.

Abenteuerhungrig wie ich war, habe ich das Buch von Sven Hedins Entdeckungsreisen durch die Wüsten Asiens regelrecht verschlungen. Und für mich stand schon damals fest – irgendwann werde ich die Wüste Gobi durchqueren. Es sollte aber noch viele, viele Jahre dauern.

Beindruckende Kontraste in der Gobi

Aufbruch in eine andere Welt

Wie immer vor so einer Tour, waren die letzten Wochen vor dem Aufbruch mit hektischer Betriebsamkeit gefüllt. Die logistischen Vorbereitungen im Vorfeld waren diesmal überschaubar, wollte ich doch nur mit einem absoluten Minimum an Ausrüstung unterwegs sein. Die Verpflegung – bis auf mein Peronin – würde ich komplett vor Ort besorgen.

Mit der Agentur in Ulan Bator, die mir ein Versorgungsfahrzeug mit Fahrer bereitstellte, war ich so weit klar. Wichtig war, dass der Fahrer hundertprozentige Zuverlässigkeit mitbrachte. Das bedeutete im Klartext, er muss sich an unsere Vereinbarungen halten und mich abends mit der Ausrüstung exakt am vereinbarten Zielpunkt erwarten.

Ein ruhiger Flug mit kurzem Zwischenstopp in Moskau, ließ mich morgens um 5 Uhr in der Früh im eisig kalten Ulan Bator ankommen. Obwohl wir Anfang Oktober hatten, waren es minus 12 Grad. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mich in der Wüste Gobi noch erwarten würde.

Unendliche Weite in der Wüste Gobi
Unendliche Weite

Zwischen Genuss und Tortur

Ich startete am östlichen Rand der Wüste Gobi in der Nähe von Erdene, unweit der Grenze zur Volksrepublik China. Die Gobi zeigte mir in den 15 Tagen alle Facetten. Mal war ich in herrlichem Sonnenschein unterwegs, mal war es nass und kalt. In einigen Nächten sank die Temperatur unter 10 Grad minus.

Ständig hatte ich mit stürmischem Gegenwind zu kämpfen, der das Vorankommen sehr mühsam machte. Kurz vor Ende kam ich in der Nähe der mächtigen Dünen in einen Sandsturm, der die Sicht und Orientierung massiv beeinträchtigte. Der Sand fand seinen Weg in Augen, Nase, Ohren…überall. Dennoch konnte ich meine geplanten Tagesetappen durchziehen.

Wüstenmenschen

Die Wüste Gobi ist keineswegs eine menschenleere Wüste. Ab und an traf ich auf Menschen, die entweder mit alten russischen Mini-Trucks oder dem Motorrad unterwegs waren. Die meisten boten mir an mich ein Stück des Weges mitzunehmen.

Anders als Reinhold Messner, ließen mich diese Angebote völlig kalt. Ich lief schließlich nach meinen eigenen Regeln durch die Wüste Gobi und nicht, um anderen etwas zu beweisen. Für die Motivation zum Durchhalten ist das ungeheuer bedeutsam.

Motorradfahrer mit Gesichsmaske in der Wüste Gobi
Motorradfahrer in der Gobi

Hätte ich mich auch nur einen einzigen Meter mitnehmen lassen, wäre mein Projekt für mich gestorben und die Motivation völlig zusammengebrochen. Selbstbetrug ist die schmerzlichste Art des Betrugs! Die Gobi war mein Projekt…mein Baby. Ich lief nicht durch diese faszinierende Wüste, weil ich anderen etwas beweisen will.

Deshalb lehnte ich das wohlgemeinte Angebot des einheimischen Wüstenfahrers dankend ab. Was dieser mit einem Kopfschütteln quittierte. Manche Gesten sin halt überall auf der Welt gleich

Normaden in der Wüste Gobi
Typische Jurten der Normaden

Gegen Ende tat es nur noch weh

Ich biss mich Tag für Tag durch. In den letzten 3 Tagen machte mir eine äußerst schmerzhafte Knochenhautentzündung am rechten Schienbein arg zu schaffen. Das Laufen wurde zunehmend beschwerlich und zum mentalen Kraftakt.

Obwohl ich mir schon vor vielen Jahren wirksame Mentaltechniken zur Schmerzregulation angeeignet hatte, litt ich wie ein Hund. Durch mein mentales Schmerzmanagement war ich dennoch in der Lage weiterzulaufen.

Die Schmerzen am Schienbein wurden mein ständiger Begleiter, denn die kurze Regenerationszeit über Nacht reichte nicht aus, um diese abzumildern. Überhaupt taten mir abends im Schlafsack meine Füße so weh, dass ich oft stundenlang nicht einschlafen konnte.

Irgendwann fiel ich aber dann doch vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf. Immer begleitet von der Ungewissheit, ob ich am nächsten Tag überhaupt in der Lage war weiterzulaufen.

Vom Glück des Ankommens

Ich schaffte es, mich immer wieder mit den Schmerzen zu arrangieren. Deshalb lief ich einfach weiter…immer weiter. Mit der Konsequenz, dass ich mein Ziel am Abend des fünfzehnten Tages erreichte.

Ich hatte es geschafft. Ein weiterer meiner großen Träume, den ich seit meiner Kindheit träumte, wurde wahr. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte mich, obwohl ich schon die ganzen letzten Stunden mega-euphorisch war. Die Aussicht diese Tortur bald hinter mich gebracht zu haben, verschaffte mir den ganzen Tag ein “Dauer-High”.

Dramatischer Sonnenuntergang in der Wüste Gobi
Dramatischer Sonnenuntergang in der Wüste Gobi

Im Ziel erwartete mich Hygi, der Fahrer meines Back-Up-Fahrzeugs. Wir vielen uns in die Arme. Mein Glück war unbeschreiblich. Nur wenige Minuten später konnte ich kaum mehr Gehen, so stark waren die Schmerzen im Bein. Meine mentale Kraft hatte ausgereicht bis zum Ziel. Als mein Körper angekommen war, gab es auch keinen Grund mehr für meinen Geist weiterzulaufen. Die mentale Unterstützung wurde schlichtweg nicht mehr benötigt. Sofort brach der “Schmerzmanagement-Mechanismus” ein.

Hygi und Stefan Wüste Gobi
Mein Backup Hygi

Das Resultat, meine Beine trugen mich einfach nicht mehr. Wieder mal ein Beleg dafür, was die Mentale Stärke eines Menschen bewirken kann. Mich haben diese einzigartigen Erlebnisse in der Wüste Gobi wieder ein Stück stärker gemacht!

Damit war 2014 ein ganz besonderes Jahr für mich. Nur 4 Monate nach meinem Deutschlandlauf hatte ich mit dem Lauf durch die Wüste Gobi einen weiteren 1000km-Lauf erfolgreich bewältigt!


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